MC im Rückblick

 

Aus Anlass des 25jähringen Chorjubiläums blicken zwei langjährige Chormitglieder auf ein Viertel Jahrhundert „Musica Cantica Eupen“ zurück:

Priesterjubiläum Van Melsen 1979

In Kinderschuhen

Für über 25 Jahren war MUSICA CANTICA fester Bestandteil meiner Freizeit, ja meines Lebens.

Aus einer Rechnung, die ich spaßeshalber zum 25-jährigen Bestehen des Chores aufstellte, geht hervor, dass ich etwa 3200 Stunden meines Lebens bei Proben (die wöchentlichen Proben, die Zusatzproben für Konzerte, die Proben während Probetagen oder Probewochenenden) und bei Auftritten verbracht habe. Das entspricht sage und schreibe 400 Arbeitstagen!!

Jede Woche einen Abend für die Chorarbeit zu reservieren, verlangt Selbstdisziplin, doch haben sich die Musik und der Gesang in einem Freundeskreis stets als wohltuend und anregend erwiesen.

Wie alles begann
Als ich 1977 nach Eupen zog, stellte ich fest, dass Eupen über eine breite Chorlandschaft verfügt. So wunderte es mich denn auch nicht, dass ein Mitglied eines sogenannten „Jugendchores“ an mich herantrat, mit der Frage, ob auch ich mitsingen wolle. Der neue Chor bestand aus Jugendlichen, die vorher Jugendmessen unter der Leitung des damaligen Kaplans Ferdi Hecker mit gestaltet hatten, die aber mittlerweile Hubert Schneider, den Organisten der Unterstadt, gebeten hatten als Leiter eines vierstimmigen Chores zu fungieren. So ging ich an einem Montagabend im August 1978 zu einer Probe in der Bergkapelle. Die Begeisterung der Sängerinnen und Sänger, von denen ich etliche kannte, war ansteckend und das Repertoire gefiel mir. So entschied ich mich rasch, diesem Chor beizutreten.

Die Proben wurden nach kurzer Zeit ins Pfarrsälchen Unterstadt verlegt, wo sie 15 Jahre stattfanden.

Vierstimmiger Gesang
Wenn auch viel guter Wille vorhanden war bei allen Sängern, die mittlerweile also in Sopran, Alt, Tenor und Bass eingeteilt waren, so brauchte Hubert Schneider doch sehr viel Energie, um uns den vierstimmigen Gesang beizubringen. In der Tat ist es auch eine Frage der Disziplin, nicht nur gut mitzusingen, sondern auch zuzuhören und zu schweigen, wenn eine andere Stimme einen gewissen Part übt.

Schnell wurde die Notwendigkeit von Stimmbildungsarbeit erkannt. Hierzu engagierte der Chorleiter Spezialisten: Eine Stimmbildnerin aus Köln brachte uns Vokalisen bei sowie die korrekte Körperhaltung beim Singen. Wir arbeiteten auch mit einem Herrn Kallatin, der den meisten sicher noch in bester Erinnerung geblieben ist (vor allen Dingen durch die hervorragende Nachahmung einer Altistin anlässlich eines Chorfestes).

Veranstaltung des WDR Mai 1985 in Kettenis

Die ersten Vorstände
Zu Beginn leitete Hubert Schneider, der dem Ensemble 10 Jahre lang ehrenamtlich als Dirigent vorstand, den Chor allein. Nach kurzer Zeit wollten die Mitglieder die Geschicke des Chores stärker selbst lenken. Ein Vorstand sollte dies übernehmen. Wer aber Vorstand sagt, der sagt auch Statuten. Das Ausarbeiten der ersten Statuten brachte schon einiges Kopfzerbrechen mit sich, und die spätere Wahl der Vorstände verlangte den Mitgliedern viel Demokratieverständnis ab, was – angesichts des vergleichsweise jungen Alters – nicht immer leicht fiel.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die emanzipatorische Gesinnung des Chores: Als noch in sämtlichen Chören Männer das Sagen hatten, hob Musica Cantica Frauen in das Präsidentenamt, was der damaligen Präsidentin, Manuela Thielen, bei einem Sängertreffen die Bemerkung einbrachte: „Nee, Fräuleinchen, das ist nicht für Sie, sondern für Ihren Präsidenten.“

Der Name
Der nun vierstimmige Chor wollte nicht länger „Jugendchor“ (oder auch „Hecker Singers“ nach dem Herrn Kaplan Hecker) genannt werden. Es sollte ein neuer Name her. Hubert Schneider und seine Frau Karin unterbreiteten einen Vorschlag: „Musica Cantica“ sollte das Kind heißen. Aber was bedeutet das? „Gesungene Musik“ suggeriert die Übersetzung, wobei die sprachliche Korrektheit weniger den Ausschlag gab als der Wohlklang des Namens.

Schweden Mai 1995

Chorkleidung
Jeder „richtige“ Chor tritt in Einheitskleidung auf, hieb es recht bald. Bei der Wahl dieser Kleidung trat natürlich die Eitelkeit unserer weiblichen Mitglieder zu Tage. Es war gar nicht so einfach, sich auf eine bestimmte „Uniform“ zu einigen. Wir entschieden uns schließlich für lange dunkelrote Röcke, weiße Blusen und graue Strickjacken. Die Herren trugen passend dazu eine dunkle Hose, ein weißes Hemd und einen dunkelroten Pullunder. So fühlten wir uns wohl neben „gestandenen“ Chören.

Konzerte
Bei den ersten Konzerten waren wir zum einen ganz stolz, zum anderen aber furchtbar nervös, so dass sich häufig Intonationsprobleme einstellten.

Sehr schnell erzielten wir aber auch beachtliche Erfolge. So belegte der Chor zum Beispiel bei einem Wettbewerb in Jodogne einen der ersten Plätze. Beeindruckend für mich war bei diesem Sängertreffen vor allen Dingen das Singen des Liedes „Le vieux Châlet“ gemeinsam mit etwa 300 anderen Sängern.

Auch in Welkenraedt nahmen wir an einem Wettbewerb teil. Zu unserem Entsetzen saß der Komponist eines der aufzuführenden Stücke in der Jury. Trotz der daraus resultierenden Nervosität war auch dieser Wettbewerb bereichernd.

In Löwen traten wir im Rahmen des Festivals von Flandern auf, in der DG gestalteten wir ein Reihe Fastenkonzerte mit anspruchsvollen Liedern und Texten, in Tongern verschönerten wir eine Messe, die live im Rundfunk übertragen wurde.

Einstufung
1982 stellte unser Chor sich zum ersten Mal einer Jury bei der von Födekam durchgeführten Einstufung der Chöre Ostbelgiens. Hierbei erreichten wir, nachdem wir im Saal Brüls in Bütgenbach einige Wahlwerke und das Pflichtstück „Die Rechenstunde“ von Genzmer gesungen hatten, ein tolles Resultat: 85%, 1. Kategorie. Die angepeilte Einstufung in die Exzellenzklasse 1986 scheiterte am Werk „Oh Tod, wie bitter bist du“ von Max Reger. In den darauffolgenden Einstufungen konnte der Chor sich – mit einer Ausnahme – in der ersten Kategorie behaupten.

Chorfest Berlin Mai 1997

Ausflüge, Ausfahrten, Austausch
Sehr schnell bot sich uns die Möglichkeit nicht nur in Ostbelgien, sondern auch im Ausland zu singen. Die erste größere Ausfahrt führte 1981 nach Lingen ins Emsland. Hierbei ist mir vor allen Dingen in Erinnerung geblieben, dass unseren Männern, da wir am 1. Mai starteten, noch die Maiennacht in den Knochen steckte. („Ich bin der Rudi!“)

Bald darauf hatten wir einen Austausch mit dem Chor „Jong Letzeborg“. Sie besuchten uns und etwas später verbrachten wir ein Wochenende in Luxemburg, bei dem wir mehrere Auftritte bestritten und eine Messe mitgestalteten. Anschließend labten wir uns an dem tückischen jungen Wein, dem sogenannten Federweißen.

Höhepunkt war die Teilnahme am Sängeraustausch „Europalia“ 1985 in Belgien, wo uns die „Coral de Santander“ besuchte. Die temperamentvollen Spanierinnen und Spanier empfingen uns bei unserem Rückbesuch im baskischen Santander im Frühjahr 1986.

Ein Konzertausflug nach Morenhoven erwies sich nicht nur als künstlerischer Erfolg, sondern bescherte einem Chormitglied die Frau fürs Leben und dem Chor eine neue Sopranistin.

Weihnachtsfeier Dezember 1984

Geselligkeit
Ganz groß geschrieben wurde in den ersten Jahren des Chores natürlich das „Außerchorische“, die Geselligkeit.

Einkehr am Montag nach der Probe war stets im Häaserhof bei Grosch. Dass man sich schon während der Probe darauf freute, beweist die Tatsache, dass unser Bass spontan einen tschechischen Liedtext umdichtete, der nun lautete: „Mam vad Grosche“.

Da viele Chormitglieder in den 80er Jahren kleine Kinder hatten, organisierten die rührigen Vorstände dann und wann auch Freizeitaktivitäten für die ganze Familie.

Allen in Erinnerung geblieben sind gewiss auch die legendären (manchmal eher karnevalistisch angehauchten) Weihnachtsfeste mit Nikolausbesuch, die deutlich machten, wie gut der Zusammenhalt im Chor war. Man beschenkte jeweils ein anderes Chormitglied; dabei wurde nicht selten etwas mit viel Liebe gebastelt, ein Lied geschrieben oder ein Gedicht verfasst.

Mittlerweile ist dieses einmal jährlich stattfindende Chorfest ins Frühjahr verlegt worden, wobei dieser Abend gefüllt ist mit zahlreichen kreativen Beiträgen, in denen das Chorleben karikiert wird.

Inzwischen hatte Musica Cantica einen bescheidenen, aber festen Platz im Eupener Chorleben eingenommen – den Kinderschuhen war der Chor nun entwachsen.

Jetzt galt es, Erreichtes zu bewahren und auszubauen; doch das ist eine andere (die nächste) Geschichte.  (Martha Kerst im April 2004)

Chorfoto 1998

 

Ein bisschen Nostalgie

Januar 1991. Mit klopfendem Herzen sitze ich zum ersten Mal im Pfarrsälchen der Eupener Unterstadt unter all den Sängerinnen und Sängern von Musica Cantica. Geprobt werden „Les sept paroles du Christ“ von Gounod, ein Werk, das wir im Juni in der Kathedrale von Rouen aufführen wollen. Ob ich es bis dahin schaffe, das Repertoire einzustudieren, das für die „alten Hasen“ nicht mehr ganz so neu zu sein scheint, wie für mich?

Doch unser damaliger Dirigent, Hans-Georg Reinertz, weiß zu begeistern und zu vermitteln, worauf es ihm ankommt. Er hat meine Bedenken schnell zerstreut. Hier werde ich mich wohl fühlen. Ich freue mich darauf, dazuzugehören…

Zu jener Zeit trugen die Damen bei Auftritten lange blaue Gewänder mit weißem Kragen und weißen Manschetten. Wir sahen frisch und adrett aus und unter diesen weiten Kleidern ließ sich so manches schwangere Bäuchlein verstecken. Die Kluft hatte auch andere unbestrittene Vorteile: in kalten Kirchen konnte man sie einfach überstreifen und lange Hosen und Pullis darunter verbergen. Sie waren aus knitterfreiem Stoff und man konnte sie einfach in eine Tüte packen, wenn man unterwegs war, und sie passten einfach immer.

Irgendwann allerdings war die Zeit gekommen, unsere „Uniform“ zu wechseln. Die Herren wuchsen aus ihren maßgeschneiderten Anzügen raus (die meisten in die Breite, selten in die Höhe…) und die blauen Kleider schienen uns nur noch angebracht bei Kirchenkonzerten und wir beschlossen, neue Kleidung anzuschaffen. Schließlich hatten wir in der Zwischenzeit auch einen Dirigentenwechsel hinter uns gebracht, und mit Stefan Funk wehte ein neuer Wind. Das war wohl der geeignete Moment, uns auch optisch zu verändern. Wir einigten uns auf kurze schwarze Röcke (sehr zum Entzücken unserer männlichen Kollegen – die Damen zeigen Bein!!!) und weiße Blusen, aufgelockert durch bunte Schals, die von unserer Sopranistin Ingrid künstlerisch bemalt worden waren. Die Herren trugen bunte Hemden und schwarze Westen. So ausstaffiert betraten wir in der nächsten Zeit die Bühnen, bevor wir uns vor wenigen Jahren für unser jetziges Outfit entschieden.

Chorreise London 2008

Musica Cantica hat in dem vergangenen Vierteljahrhundert aber nicht nur das äußere Erscheinungsbild gewechselt, sondern auch mehrmals den Dirigenten.

Das hatte nicht unbedingt negative Auswirkungen, wenngleich es für uns immer wieder eine große Herausforderung war, einen geeigneten Musiker zu finden und uns auf eine neue Leitung einzustellen. Doch welches lebendige Gefüge bleibt schon gern in seinen starren Grenzen verankert? Jeder Wechsel bedeutete auch eine neue Chance.

Jeder unserer Dirigenten, die allesamt Vollblutmusiker sind, hat uns ganz bestimmte Dinge beigebracht: Hubert Schneider, der Dirigent der ersten Stunde, hat alles erst möglich gemacht. Hans-Georg Reinertz als begnadeter Kirchenmusiker mit zahlreichen Kontakten besorgte uns so manche Konzerte im In- und Ausland. Stefan Funk dirigierte uns mit dem Schwung der Jugend, Jörg Wette ermöglichte uns das „Amerikanische Konzert“, bei dem der Chor einen großen Erfolg verbuchen konnte. Gregor Josephs weckte unser Interesse für Jazz und begleitete uns mehrere Jahre mit einem ständigen Augenzwinkern.

Plakat Amerikanisches Programm 1998

Musica Cantica hat dauerhafte Freundschaften ermöglicht, auch über den Gesang hinaus, und hier haben sich manche zarte Liebesbande geknüpft. Wir erfuhren tiefes Mitgefühl und beispielhafte Solidarität in Momenten der Trauer, die auch vor unserer Gemeinschaft nicht Halt machte.

Die Ausfahrten ins In- und Ausland sowie die Probe-Wochenenden in Laurensberg, Eschweiler und Bitburg bergen so manche Anekdote, an die sich jeder, der dabei war, wohl gerne erinnern wird: die nicht enden wollende Fahrt zum Fischerhafen von Honfleur, die Zusatz-Probe für den Sopran auf dem Fährschiff nach Schweden, Stefan, völlig entfesselt beim gemütlichen Abend mit dem befreundeten Sankt-Hans-Kören in Lund, die Autobuspanne auf dem Weg nach Regensburg, Gregor, der Berlin lieber ohne die Damen unsicher machte…

Wir erinnern uns an Pyjama-Parties auf dem Flur der Wiener Jugendherberge, die Stadtführung mit dem ostbelgischen „Wahl-Wiener“ J.J. Rousseau, das Konzert mit Stefan, vor „seinem“ Stefansdom, an den „Kerzen-Einzug“ vor dem Konzert in Schweden, mit Ingrid als Führengel, an den beispiellosen Einsatz unseres unverzichtbaren Sängers Werner, der von Kanada über den großen Teich nach Berlin jettete, um am Konzert teilnehmen zu können…

Und wer weiß eigentlich noch genau, wieso Martha seit der Ausfahrt nach Wien „die Gräfin“ heißt… ???

Doppelripp

Wie viele Chorfeste haben wir zusammen erlebt, wie viele befriedigende und auch weniger befriedigende Konzerte haben wir gegeben, bei wie vielen Einstufungen haben wir gefiebert und gehofft! Und dann die existenzielle Krise, als wir bei der Einstufung 1994 die erforderliche Punktzahl für die 1. Kategorie knapp verfehlten!

Enttäuschung und Mutlosigkeit waren ebenso unsere Begleiter in diesen 25 Jahren wie Begeisterung, Freude und Ausdauer.

Wir haben so manche Krise erlebt und bewältigt und sind daraus gestärkt hervorgegangen. Seien wir also zuversichtlich, dass wir auch in den kommenden 25 Jahren ohne allzu große Zukunftsangst nach vorn blicken können.

In diesem Sinne: HAPPY BIRTHDAY, MUSICA CANTICA ! (Christa Gennen im April 2004)

 

Die Chorleiter von Musica Cantica

1978 bis 1988: Hubert Schneider, Eupen

1989 bis 1993: Hans-Georg Reinertz, Eupen

1993 bis 1996: Stefan Funk, Aachen

1996 bis 1998: Jörg Wette, Aachen

1999 bis 2001: Gregor Josephs, Stolberg

2002 bis 2008: Hans-Georg Reinertz, Eupen

Seit 2008: Manfred Lutter, Roetgen